Gay meets Commedia Sexy – Die Tuntenfilme der italienischen Sexkomödie

Ein weiterer Auswuchs der italienischen (Erotik-)Komödie waren Filme mit Homosexuellen-bzw. Transvestiten-Thematik. So erleben wir im Episodenfilm „Vedo Nudo“ (1969, Dino Risi) Enrico Maria Salerno als „Ornella“ im Frauengewand, wie dieser Nino Manfredi an „das andere Ufer“ holen will. Oder aber der Barras-Klamotte „Zwei irre Typen außer Rand und Band“ (Venga a fare il soldato da noi, 1971, Ettore Maria Fizzarotti) mit Franco Franchi, Ciccio Ingrassia und Lino Banfi, die von einer Dame erzählt, die als männlicher Soldat getarnt den Militärdienst antritt, um ihren treulosen Liebhaber aus der Nähe zu beobachten. Die Liste der transgenden Produktionen aus „Bella Italia“ ist lang und war selbst in der damaligen Zeit nichts Neues.

Denn bereits der großartige und wunderbare Totò (bürgerlich Antonio Focas Flavio Angelo Ducas Comneno di Bisanzio De Curtis Gagliardi) schlüpfte in seiner allerersten Filmrolle „Fermo con le mani!“ (1937, Gero Zambuto)  notgedrungen  in den Frauenfummel einer spanischen Masseuse, um ein Waisenmädchen zu retten. Selbiger Kostümierung bekleidete sich Lino

Renzo Montagnani

Renzo Montagnani (Photo credit: Wikipedia)

Banfi als Lehrer in „Flotte Teens und Sex nach Noten“ (L’insegnante balla…contutta la classe, 1978, Giuliano Carnimeo) um die superscharfe Nadia Cassini „zu massieren“. Leider landet er beim Kollegen Renzo Montagnani im Zimmer, der von „der Masseuse“ Banfi verlangt ihn zu befriedigen. Am Ende des Films offenbart Professor Banfi Ihm, dass er es war, dem der verhasste Kollege damals im Wellnesstempel an die Wäsche wollte. Unbeeindruckt äußert sich dieser: „Eigentlich ist das doch gleich!“, worauf Banfi entgegnet: „Nobody ist perfect“. Jener berühmter Schlußsatz, den bereits Joe E. Brown in „Manche mögen’s heiß“ (Some Like it’s hot, 1959, Billy Wilder) äußerte, nachdem Jack Lemmon sich seiner Perücke entledigt hatte.

Oder wer erinnert sich nicht an Adriano Celentano, der in „Der Kleine mit dem großen Tick“ (L’emigrante, 1973, Pasquale Festa Campanile) zu Beginn des Jahrhunderts als Frau verkleidet, „den großen Teich“ auf einem Auswanderer-Dampfer Richtung Amerika überquert. Aber auch Enrico Montesano, der im Episodenfilm „Lollipops und heisse Höschen“ (Spogliamoci così, senza pudor, 1976, Sergio Martino) in die Rolle (und den Fummel) einer polnischen Fussballnationalspielerin schlüpft, um seinen Bruder – einem erfolglosen Amateurtrainer – aus der Bredouille zu helfen.

 

internationales Artwork

Ein Käfig voller Narren

Dann – ab Ende der Siebziger Jahre – sollte es zum totalen „Tunten-Overkill“ in der italienischen Klamotte kommen. Grund war die französisch-italienische Koproduktion „Ein Käfig voller Narren“ (La cage aux folles, 1978, Edouard Molinaro) mit Ugo Tognazzi und Michel Serrault als homosexuelles Paar. Der Film gilt als die erste weltweit erfolgreiche Produktion aus dem Drag-Queen-Milieu. Er gewann den Golden Globe und wurde sogar für 3 Oscars (u.a. Beste Regie) nominiert. Diesen Erfolg wollten die Italiener natürlich kopieren und so drehten sie „Ein Haus voll Verrückter“ (Dove vai se il vizietto non ce l’hai?, 1979, Marino Girolami). Der Originaltitel kommt übrigens nicht von ungefähr, denn der  italienische Verleihtitel von „Ein Käfig voller Narren“ war „Il vizietto“. Das „Lexikon des internationalen Films“ nennt „Ein Zwinger voll Verrückter“ (Alternativtitel) „eine Zumutung“ und prangert die „Witze auf Kosten von Homosexuellenklischees“ an. Der Film selbst handelt von zwei Privatdetektiven, Renzo Montagnani und Alvaro Vitali, die im Auftrag von Paola Senatore, deren Mann beschatten sollen. Also schleichen sich die Schnüffler in das Haus der Eheleute: Montagnani mimt den tuntigen Hausdiener, Vitali die Köchin. Das deutsche Filmplakat titelte damals „die zwei Tunten vom Dienst“. Schlussendlich ist es der Ehemann selbst, der sich im Frauenfummel gleichgeschlechtlicher Liebe hingibt. Damit nicht genug, werden Vitali und Montagnani am Ende des Filmes noch ihres verdienten Geldes beraubt – natürlich durch Transvestiten. „Und die Moral von der Geschicht, einen Schwulen spielt man nicht“.

Im gleichen Jahre erschien auch „Entschuldigen Sie, sind Sie normal?“ (Scusi, lei e normale?, 1979, Umberto Lenzi) mit Renzo Montagnani, als moralischen Sittenwächter, der Schwule hasst. Was er nicht weiß, sein Neffe (Ray Lovelock) ist selbst ein „Spargelstecher“. Der Film lief auch als „Flotte Teens und der Staatsanwalt“ und blieb einer der raren Beiträge Umberto Lenzis zum „Komödien-Genre“. 1980 entstand – noch immer im Fahrwasser  des Vorbildes aus Frankreich – die Komödie „Der Kuckuck“ (Il lupo e l’agnello, 1980, Francesco Massaro) mit Tomas Milian und eben Michel Serrault, der in diesem Film den schwulen Hundefriseur auf Befehl der Schwiegermutter geben muss. Der deutsche Filmverleih nannte Serrault damals liebevoll „die schwule Tante aus Ein Käfig voller Narren“. Ein weiterer Versuch aus dem französischen Erfolgsfilm Kapital zu schlagen war das Komik-Drama „Il patata bollente“ (1979, Steno), der nur einige Monate nach dem Erfolg von „Ein Käfig voller Narren“ in den italienischen Kinos anlief. Renato Pozzetto spielt darin einen kommunistischen Gruppenführer, der einen jungen Homosexuellen aufnimmt und dafür bei seinem Parteigenossen, sowie seiner Frau (gespielt von Edwige Fenech) Anfeindungen erntet.

Nino Manfredi

Nino Manfredi (Photo credit: Wikipedia)

Dann erreichte die „Tuntenwelle“ mit „Noch ein Käfig voller Narren“ (La Cage aux Folles II, 1980, Edouard Molinaro) ihren Höhepunkt. Im gleichen Jahr erschien auch „Gay Salomé“ (1980, Michele Massimo Tarantini). Ein Homo-Musical für ganz Hartgesottene. Kaum ein Italo-Film kam in jener Zeit ohne „Schwulitäten“ aus. Wie „Testa o croce“ (1982, Nanni Loy): Nino Manfredi spielt darin einen besorgten Vater, der seinen Sohn in missverständlicher Lage zusammen mit einem anderen Mann erwischt und ihn fortan von der Homosexualität „heilen will“. Am Ende stellt sich heraus, dass Sohnemann ein Verhältnis mit Papas Geliebter hat. Bis Mitte-Ende der achtziger Jahre folgten eine ganze Reihe weiterer Filme, die sich der Thematik annahmen wie „Mi faccia causa“ (1983, Steno), „Roba da ricchi“ (1987, Sergio Corbucci) oder „Ornella – Die Unwiderstehliche“ (Nessuno è perfetto, 1981, Pasquale Festa Campanile), in dem die hinreißende Ornella Muti eine sexy Frau spielt – die früher ein Mann war!

1985 folgte dann sogar noch ein dritter Teil der französischen „Käfig“-Reihe. „Ein Käfig voller Narren III – Jetzt wird geheiratet“ (La cage aux folles 3 – ‚Elles‘ se marient, 1985, Georges Lautner). Travestie und Drag-Queens waren zu jenem Zeitpunkt noch immer nicht aus der Mode. So ermittelte „Superbulle“ Tony Marroni in seinem letzten Filmfall „Ein Superesel auf dem Ku’Damm“ (Delitto al Blue Gay, 1984, Bruno Corbucci) nicht nur in Berlin (da es eine deutsch-italienische Ko-Produktion war), sondern auch noch im Travestie-Milieu. Den Schlusspunkt – nicht qualitativ gemeint – bildete das Duo Lino Banfi und Christian De Sica in „Zwei Italiener mögen’s heiß“ (Bellifreschi, 1987, Enrico Oldoini), die sich – auf der Flucht vor der Polizei – in Frauenkleider hüllen. Mit dem Ende des Genres der „Commedia Sexy All‘Italiana“ endeten auch die Abenteuer der „Tanten“, „Tunten“ und „Schwuletten“, sowie der „warmen Brüder“ und „kessen Väter“.

Außerdem kam der Fakt hinzu, dass das Publikum mit dem Aufkommen der Immunschwäche Aids nicht mehr über „Männer in Frauenkleidern“ lachen konnte und wollte. Ebenso der qualvolle Aids-Tod des italienischen Komödien-Schauspielers und Travestie-Künstlers Franco Caracciolo am 03.11.1992 in Rom trug mit dazu bei, dass die Studios nicht mehr auf „Fummeltrinen“ setzten. Caracciolo spielte in einer Vielzahl italienischer Erotikkomdien wie „Ein Superesel auf dem Ku’Damm“, „Il tifoso, l’arbitro e il calciatore“, „Grunz – schmatz – grunz… am Anfang war das Ei“, „Eccezzziunale… veramente“, „Das völlig irre Klassenzimmer“, „Ein Haus voll Verrückter“ oder „Die trüben Tassen der Stube 9“ mit. Er wurde nur 48 Jahre alt.

Martin Hentschel

aus „Heiße Teens und flotte Filme – Die italienischen
Erotik-Klamotten der 70’er und 80’er Jahre“
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190 Seiten, 2. Auflage, ISBN: 978-1490443928

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